Perspektiven des Wandels – Evolutorische Ökonomik in der Anwendung“,

Hrsg. Marco Lehmann-Waffenschmidt,

Metropolis-Verlag, 2002

Auszug aus dem Vorwort:

Als Ulrich Witt Anfang der neunziger Jahre, damals Lehrstuhlinhaber an der Universität Freiburg, zum ersten „Workshop zur Evolutorischen Ökonomik für Nachwuchswissenschaftler“ nach Buchenbach bei Freiburg einlud, konnte noch niemand wissen, dass er damit eine Tradition begründen würde. Tatsächlich bedeutete diese Veranstaltung den Auftakt einer Workshop-Reihe, die von ihm, inzwischen Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena, und seinem Mitarbeiterteam in den folgenden Jahren wissenschaftlich und organisatorisch betreut wurde. Getreu ihrem Namen war die „Buchenbach-Workshop-Reihe zur Evolutorischen Ökonomik für Doktoranden, Habilitanden und Post-Docs“ freilich selbst einem Wandlungs- und Entwicklungsprozess unterworfen. So wurde der fünfte Workshop im Mai 2001 von Ulrich Witt und dem Herausgeber dieses Bandes gemeinsam veranstaltet. Dies gab Gelegenheit zu einer Neukonzipierung auf der Grundlage der positiven Erfahrungen der vorausgegangenen Workshop-Veranstaltungen, wobei insbesondere der Charakter einer summer school eine stärkere Gewichtung erhielt. Eine zusätzliche Bestätigung erfuhr die Workshop-Reihe durch die Förderung des Workshops „Buchenbach 2001“ durch die StiftungVolkswagen.

Eine weitere Folge dieses Entwicklungsprozesses ist die Entstehung des vorliegenden Buches aus der Workshopveranstaltung „BUCHENBACH IV“ im Mai 1999. Dem ursprünglichen Gedanken der Buchenbach-Workshop-Reihe entsprechend enthält dieser Band nicht nur eine Sammlung der dort gehaltenen Vorträge, sondern er spiegelt durch die mit abgedruckten Korreferate auch den Stand des wissenschaftlichen Diskurses zu den einzelnen Themen wider. Bei der Auswahl der Vorträge aus den eingereichten Vorschlägen wurde von den Veranstaltern des Workshops „BUCHENBACH IV“ besonders darauf geachtet, die Balance zwischen zu großer thematischer Breite auf der einen und zu starker Einengung auf der anderen Seite zu halten. Während die Notwendigkeit des ersteren keiner Erläuterung bedarf, wäre letzteres gerade für einen evolutorischen Workshop fatal. Schließlich würden zu restriktive Vorgaben offensichtlich dem „evolutorischen Imperativ“ widersprechen, Variabilität und Varietät grundsätzlich zu unterstützen, um neuen und eventuell superioren Ansätzen in der Entstehung überhaupt eine Chance zu geben.

Natürlich zeigt der in diesem Band wiedergegebene Diskurs auch Kontroversen und Inhomogenitäten innerhalb der Evolutorischen Ökonomik. Aber gerade das macht deutlich, daß wir es hier mit einem lebendigen, in Entwicklung stehenden Wissenschaftsgebiet zu tun haben, das Kontroversen, die für jeden Erkenntnisfortschritt unerläßlich sind, nicht nur aushält, sondern sie weder nach innen noch nach außen scheut. Und nicht nur für die unmittelbar Beteiligten ist dieser Diskurs lohnend, sondern auch für die interessierten Leser. Bekommen sie doch auf diese Weise nicht nur die wissenschaftlich „polierte Oberfläche“ der einzelnen Beiträgen zu sehen, sondern erhalten darüber hinaus auch Einblicke in die Denkstrukturen eines sich formierenden Wissenschaftsgebietes. Erst dies gibt ihnen die Möglichkeit zur inhaltlichen Einordnung und kritischen Bewertung der angebotenen Forschungsbeiträge.

An dieser Stelle ausführlich über das Gebiet der Evolutorischen Ökonomik zu sprechen, würde dieses Herausgebervorwort sicherlich überfrachten, zumal der Leser dazu nicht nur in den einzelnen Beiträgen dieses Buches Einschlägiges erfährt, sondern schon im vorhergehenden Geleitwort von Ulrich Witt und im nachfolgenden Einführungskapitel von Guido Bünstorf viele inhaltliche Informationen zur Evolutorischen Ökonomik erhält.

Aber eines sei zur Evolutorischen Ökonomik hier doch gesagt. Eine ihrer wesentlichen Eigenschaften besteht darin, dass sie sich nicht gegenstandsbezogen konstituiert wie andere „Bindestrich-Ökonomiken“ (wie zum Beispiel Umweltökonomik oder Gesundheitsökonomik, wobei mit dieser Feststellung keinerlei Wertung verbunden ist), sondern einen „ressortübergreifenden“ Ansatz darstellt, der zudem interdisziplinäre Schnittflächen zu benachbarten Wissenschaften wie z.B. der (Sozial-)Psychologie oder der Biologie pflegt. Dies bildet sich auch in den Beiträgen dieses Bandes ab, und so ist unter anderem auch das Bedürfnis vieler Autoren - auch in diesem Band - zu erklären, besonders die Unterschiede ihrer evolutorischen Untersuchungsherangehensweise zur neoklassisch geprägten Mainstream-Vorgehensweise zu verdeutlichen.

Wie immer bei Konferenzbänden war auch bei dieser Edition die Balance zu wahren zwischen der Erhaltung des lebendigen und spontanen Charakters von Vorträgen und Korreferatsbeiträgen einerseits und der wissenschaftlichen Systematik und Gründlichkeit andererseits, die nur durch wiederholtes Rückkoppeln zwischen Autor und Korreferent und entsprechendem sorgfältigen Überarbeiten zu erreichen ist. Im Interesse des wissenschaftlichen Bestandswerts der einzelnen Beiträge sowie des ganzen Buches habe ich als Herausgeber dem zweiten Aspekt den Vorzug gegeben und in mehreren Rückkopplungsdurchgängen zwischen den Autoren und ihren Korreferenten versucht, etwaige Unzulänglichkeiten und Defizite soweit wie möglich zu eliminieren, um dem eigentlich interessanten inhaltlichen Diskurs, und manchmal auch Disput, möglichst ungehindert ein Forum geben zu können.

Natürlich stellt sich dem Leser bei einem solchen Band, dessen Autoren fast alle noch dem breiteren Publikum weitgehend unbekannt sind, die Frage, weshalb er sich damit beschäftigen solle. Denn gibt es nicht schon zu jedem Fach und zu jedem Themengebiet genügend viele Veröffentlichungen etablierter Fachvertreter? Und wozu dann noch zusätzlich junge, vielleicht nicht so versierte Autoren lesen?

Eine erste Antwort ergibt sich daraus, dass der Anwendungsbereich der Evolutorischen Ökonomik allgemein als immer noch zu wenig besetzt angesehen wird. Auch wenn nicht alle potentiellen Anwendungsgebiete der Evolutorischen Ökonomik in diesem Band behandelt werden können, sind hier doch Beiträge zu vier zentralen Anwendungsbereichen der Evolutorischen Ökonomik versammelt: Innovationen, Institutionen, Politik und (Sozial-)Verhalten. Man könnte auf die obige Frage zudem die Antwort geben, dass die jungen unbekannten Autoren von heute die tonangebenden Wissenschaftler von morgen sein können, ja sicher unter ihnen solche sein werden. Aber damit bleibt für den Leser dennoch ein Risiko verbunden, denn die „Leseinvestition“ findet heute statt, die „Selektion“ der Autoren aber erst in der Zukunft. Es gibt aber noch einen weiteren, viel greifbareren Grund, der schon heute für junge Autoren spricht. Nachwuchsautoren, die gerade dabei sind, ihre wissenschaftliche Qualifikation zu erwerben, bringen für einen Leser gleich drei wertvolle Eigenschaften mit: Sie erbringen eine Survey-Leistung, eine Forschungs-Leistung und eine Orientierungs-Leistung. Denn zum einen haben junge Autoren das Ziel, in ihren Beiträgen den aktuellen Forschungsstand darzustellen und aufzubereiten (
Survey-Leistung), um ihren eigenen Beitrag einbetten zu können (Forschungs-Leistung). Zum anderen aber bietet schon die Auswahl des Forschungsgegenstands “Evolutorische Ökonomik in der Anwendung“ sowie der Einzelthemen der Beiträge dem Leser eine wichtige Orientierungshilfe in der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion.

Das Herausgebervorwort zu einem Buch wie diesem mit vielen Autoren und einem entsprechend gewachsenen Entstehungshintergrund wäre nicht vollständig, wenn es nicht mit Danksagungen enden würde. Ich komme dieser Gepflogenheit um so lieber nach, als die „Entstehungsbedingungen“ - um einen Lieblingsbegriff evolutorischer Ökonomen zu verwenden - dieses Buches durchweg angenehm waren, ist doch aus Sicht des Herausgebers durch das Veröffentlichungsinteresse und die damit verbundene durchweg hohe Kooperationsbereitschaft der Autoren ein weiterer Grund für dieses Buch gegeben.

In erster Linie bin ich natürlich den Autoren, den Referenten wie den Korreferenten, zu Dank verpflichtet, die in teilweise aufwendigen Überarbeitungsverfahren ihren Beiträgen den letzten Schliff gegeben haben. Besonderer Dank gilt, auch im Namen der Autoren, Herrn Ulrich Witt, Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena, der durch seine Gründungsinitiative der Evolutorischen Workshopreihe für Nachwuchswissenschaftler den Grundstein für dieses Buch gelegt hat. Guido Bünstorf, Mitarbeiter an selbigem Max-Planck-Institut, hat mit dem „Insiderwissen“ des damals für die Organisation des '99er-Workshops Verantwortlichen die inhaltliche Einführung geschrieben. Ihm sei ebenso gedankt wie, last but not least, Herrn Hubert Hoffmann, dem Verlagschef des Metropolis Verlags, dem für seine Bereitschaft besonders zu danken ist, die drei oben genannten Gründe für Bücher mit jungen Autoren ernst zu nehmen und das Risiko eines solchen Buches einzugehen. Die sorgfältige Erstellung des „camera ready“ Manuskripts im LaTeX-Format verdanke ich meinem studentischen Mitarbeiter, Thomas Krause. Die wissenschaftliche Verantwortung teile ich, wie bei herausgegebenen Bänden üblich, mit den Autoren, zugleich aber teile ich mit ihnen auch die Hoffnung, dass dieses Buch die aktuelle Diskussion um die Evolutorische Ökonomik bereichern möge.  

Dresden, im September 2001